Nachdem die Notenbanken weltweit viel zu lange am Zinsniveau nahe der Wasseroberfläche festhielten und die Märkte über Jahre hinweg mit Liquidität fluteten, hatte es vor allem die US-Notenbank sehr eilig, die Zinsen zu erhöhen resp. ihre Fehler zu korrigieren.
Die Idee dahinter ist klar: Indem eine Notenbank durch Zinserhöhungen die Geldmenge reduziert, die im Umlauf ist, gewinnt das Geld (die jeweilige Währung) an Wert. Und weil sich das Sparen jetzt lohnt, geben VerbraucherInnen weniger aus. Dadurch sinkt die Nachfrage, die Verbraucherpreise sinken und die Inflation nimmt ab.
Notenbanken übersteuern
In nur eineinhalb Jahren erhöhten die US-Währungshüter den Leitzins auf den höchsten Stand seit 2001 (von 0.25 auf 5.5 Prozent). Sinnvoller wäre ein längerer Zyklus mit einem flacheren Anstieg. In sieben Jahrzehnten seit dem zweiten Weltkrieg hat die US-Notenbank 14 Zinserhöhungszyklen durchgeführt. Elf davon endeten in einer Rezession. Die Notenbanken handeln in der Regel zu spät und gehen dann zu weit. Es gibt wenig Hoffnung, dass sich dieses Muster im aktuellen Zyklus nicht wiederholt. Anleger sollten also in ihrem Basisszenario mit einer (hoffentlich milden) US-Rezession rechnen.
SNB hat keine Argumente mehr
In der Schweiz ist der Leitzins innerhalb eines Jahres von minus 0.75 auf plus 1.75 Prozent angestiegen. Dieser Anstieg war grösstenteils richtig und auch begründbar. Eine weitere Leitzinserhöhung der SNB im September 2023 lässt sich jedoch nicht mehr rechtfertigen. Denn sämtliche makroökonomische Faktoren, die für die Leitzinsgestaltung relevant sind, sprechen gegen weitere Leitzinserhöhungen: Der Landesindex LIK ist am Sinken, und die Jahresteuerung betrug im Juli 2023 gerade einmal 1.6 Prozent und liegt somit unter der magischen Grenze von zwei Prozent. Gleichermassen ging auch die Kerninflation zurück. Der Importpreisindex hat sich gegenüber dem Vorjahr um fünf Prozent zurückentwickelt.
Konjunkturelle Alarmzeichen
Dazu kommt, dass die vorlaufenden Wirtschaftsindikatoren in der Schweiz, etwa der Einkaufsmanagerindex, eine Abschwächung der Konjunktur prognostizieren. Die Exportwirtschaft meldet einbrechende Bestellungen und sagt einen Rückgang voraus. Vor allem Deutschland als wichtiger Abnehmer für die Schweiz schlittert in die Rezession. Weitere Zinserhöhungen würden auch die Refinanzierbarkeit der Verbindlichkeiten für die privaten Haushalte und Unternehmen weiter erschweren und bei über der Hälfte aller Mietverhältnissen zu Mieterhöhungen führen.
Umsichtiges Handeln der SNB (keine Leitzinserhöhung im September, Fahrplan für künftige Leitzinssenkungen) ist im aktuell schwierigen Umfeld angezeigt. Mit Blick in den Rückspiegel ist die Chance jedoch gering, dass der Aktionismus der Umsicht weicht. Die Marktteilnehmer können im September mit einem weiteren Zinsschritt der SNB von 25 Basispunkten nach oben rechnen.
Quellen: Handelszeitung, tagesschau.de, Bloomberg