Indische Aktien haben stark zugelegt. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 24 ist der indische Aktienmarkt so hoch bewertet wie kaum ein anderer Aktienmarkt weltweit und nimmt viele positive Entwicklungen vorweg. Dagegen kämpft die Volksrepublik China mit vielen strukturellen Problemen. Deshalb sind chinesische Titel mit einem KGV von knapp 8 weit unter dem eigenen historischen Durchschnitt zu haben.

Experten sind sich uneins, ob sich Wetten auf das boomende Indien weiter lohnen oder ob im Jahr des Drachens Chinas Aktienmarkt vor einem Turnaround steht.
Anhaltender Boom in Indien
Vergangenes Jahr ist Indien zum bevölkerungsreichsten Land der Welt geworden. Mit 1.42 Mrd. Menschen hat es China überholt. Auch wirtschaftlich dauert Indiens Boom weiter an und wird Chinas Wirtschaftswachstum auch dieses Jahr deutlich übertreffen. Analysten prognostizieren eine Zunahme des indischen Bruttoinlandprodukts (BIP) um rund 7 %. Für China hingegen wird ein Wachstum von „lediglich“ 4.6 % erwartet. Auch die umfragebasierten Einkaufsmanagerindices, ein verlässlicher Konjunkturfrühindikator, zeigen eine fortgesetzte Divergenz: Indiens Industrie expandiert stetig, während chinesische Unternehmen von Stagnation berichten.
In Indien treibt nicht allein der Privatsektor den Boom an. Der Staat hat 2024 die Infrastrukturinvestitionen um 37 % erhöht. Doch angesichts der hohen Erwartungen an das indische Wachstum wächst auch das Potenzial für Enttäuschungen. Zuletzt hat sich unter anderem das Konsumwachstum in Indien verlangsamt. Die hohen Zinsen könnten verzögert ihre Wirkung zeigen – die Zentralbank belässt den Leitzins seit einem Jahr bei 6.5 %, um die Inflation in Schach zu halten. Zudem könnte Indiens Exportsektor bei einer Verlangsamung der globalen Industriekonjunktur leiden.
Ungebrochener Abwärtstrend in China
Diese „Luxusprobleme“ hätte China gern. Der wirtschaftliche Abwärtstrend in der Volksrepublik setzt sich weiter fort. Vor der Pandemie lag Chinas Wachstum jahrzehntelang stets über 6 %. Der grösste Belastungsfaktor für die Wirtschaft und ein nicht ausser Acht zu lassendes Risiko für die Bankenlandschaft bleibt der Immobiliensektor, welcher mit anhaltenden Schwierigkeiten ohne Anzeichen einer Erholung kämpft. Es besteht die Gefahr einer Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und schwächerer Nachfrage nach Immobilien. Auch der Konsum wächst kaum. Lediglich Exporte und staatliche Infrastrukturausgaben stabilisieren das Wachstum.
Weiter bestehen erhebliche politische Risiken für die chinesische Wirtschaft. Massnahmen der Regierung in Peking, vor allem die abrupten Eingriffe in den Onlinesektor, haben in den vergangenen Jahren die Aktienkurse immer wieder belastet. Auch wenn ich als vierfacher Familienvater die ein oder andere Regelung auch hierzulande befürworten würde – wie die Regel, dass Kinder und Jugendliche pro Woche nicht mehr als drei Stunden mit Onlinespielen verbringen dürfen – sind solche staatlichen Eingriffe ein Angriff auf die freie Marktwirtschaft. Zudem steht eine Entspannung der US-Beziehung zu China nach den US-Wahlen im November nicht an: In Washington besteht ein Konsens über eine härtere Gangart.
Auf starken Tiger oder günstigen Drachen setzen?
Die gängigen Bewertungskennziffern zeigen, dass sich die positive Entwicklung in Indien schon in den Kursen niedergeschlagen hat. Die Kapitalisierung der indischen Börse gegenüber dem BIP liegt nun bei 120 %. Im langjährigen Durchschnitt belief sich dieser Wert auf 87 %. In China steht das entsprechende Verhältnis bei nur
81 %. Als Rechtfertigung für die hohen Bewertungen in Indien wird oft die gleichzeitig hohe Eigenkapitalrendite (ROE) herangezogen. Tatsächlich übertreffen indische Unternehmen mit einem ROE von 16 % alle anderen asiatischen Märkte (China 11 %, Südkorea nur 6 %). Die Risikoprämie indischer Aktien beträgt gerade einmal 5 Prozentpunkte gegenüber den langfristigen Anleihen, die immerhin 7 % rentieren. Im historischen Vergleich ist das wenig attraktiv. Die Risikoprämie in China ist ähnlich hoch. Anleihen rentieren dort weniger, aber auch die erwartete Rendite für Aktionäre ist tiefer.
Aus fundamentaler Sicht sind also beide Märkte für Aktienanleger zum jetzigen Zeitpunkt wenig attraktiv. Wäre jedoch eine Investition angezeigt, würden wir auf den starken Tiger setzen, da auf die Anleger in Indien erheblich weniger Stress resp. wirtschaftliche und politische Risiken zukommen. ETFs auf die Leitindices Nifty50 oder Sensex sind dabei die günstigste und einfachste Möglichkeit, um an den Entwicklungen am indischen Aktienmarkt zu partizipieren.
Quellen: FuW, Bloomberg, Société Générale, Citigroup