Nach dem miserablen Aktienjahr 2022 mit Verlusten von rund 20 Prozent fragen sich viele Anleger wieder vermehrt, ob nun der richtige Zeitpunkt für Aktienanlagen gekommen ist. In meiner dreissigjährigen Laufbahn ist die Frage nach einem günstigen Einstiegszeitpunkt tatsächlich die am häufigsten gestellte Frage.
Heute trifft diese Frage auf ein Umfeld, welches von einem Krieg in Europa, einer hohen Inflation und steigenden Zinsen geprägt ist. In sieben Jahrzehnten seit dem zweiten Weltkrieg hat die US-Notenbank 14 Zinserhöhungszyklen durchgeführt. Elf davon endeten in einer Rezession. Die Zentralbanken handeln zu spät und gehen dann zu weit. Dieses Muster ist auch im aktuellen Zyklus erkennbar. Somit dürften Zweifel aufkommen, ob im aktuell rezessiven Umfeld ein Einstieg ratsam ist.
Ein Blick in die Geschichte
Der Blick in die Geschichte ist hilfreich. Seit 1928 gab es in der Schweiz 14 Bärenmärkte, welche durchschnittlich 8.8 Quartale dauerten und einen durchschnittlichen Kursverlust von 33.3 Prozent verzeichneten. Die 13 Bullenmärkte dauerten im Durchschnitt 18 Quartale und brachten einen Kursgewinn von 141 Prozent! Haussephasen dauerten also länger und machten die in Bärenmärkten erlitten Verluste mehr als wieder wett. Der Zeitpunkt des Markteintrittes scheint langfristig also eine geringe Relevanz für den Anlageerfolg zu haben.
Timing ist Glückssache
Diese These wird auch vom schockierend mässigen Erfolg der aktiven Portfoliomanager unterstützt. Sie versuchen mit dem richtigen Timing eine Überrendite zu erzielen, um ihre hohen Gebühren zu rechtfertigen. Laut der S&P Untersuchung „SPIVA Europe Scorecard“ schlugen in den letzten 10 Jahren rund 95 Prozent der aktiven Manager die globale sowie die amerikanische Benchmark aber nicht. Der Dispositionseffekt macht den aktiven Managern oft einen Strich durch die Rechnung. Dies legt die Vermutung nahe, dass es reine Glückssache ist, im richtigen Moment ein- oder auszusteigen.
In guten wie in schlechten Zeiten
Deshalb stellt sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt gar nicht. Mit dem langfristigen Anlagehorizont, der zielführenden Strategie und einer hohen Qualität der Geldanlagen bleibt man in guten wie in schlechten Zeiten investiert. Somit bleiben die Kosten beherrschbar und systematische Anlagefehler durch den „Faktor Mensch“ werden eingegrenzt.
Quellen: Handelszeitung, justETF.com